Die Mobilitätswende war bis zuletzt eines der am heißesten diskutierten Themen der aktuellen Stadtdebatte und Wörter wie On-Demand, Mobility as a Service, E-Mobilität, Smart City in aller Munde.

Eines ist allen klar: Wir müssen aktiv werden und die Rahmenbedingungen für die Mobilität grundlegend ändern, bildet sie doch das Fundament einer gesunden Entwicklung unserer Städte und Regionen.

Die Technik schafft hierfür nur eine Voraussetzung. Was wir für eine langfristige Entwicklung brauchen, ist vor allem einen Wandel der Mobilitätskultur. Aber wie soll dieser aussehen und wie können wir ihn erreichen? Was ist wirklich wichtig? Wie bleiben die Strukturen resilient und generieren möglichst wenig Verkehr und dafür umso mehr Mobilität und Lebensqualität für die BewohnerInnen und Bewohner?

Zudem muss überlegt werden: Wir können wir diesen Kulturwandel gemeinsam gestalten? Schließlich scheint eine reine Top-Down-Wende im Verkehr unmöglich. Wie können wir den Menschen also die Angst um ihre individuelle Mobilität nehmen und gemeinsam zu einer Lösung kommen, die uns vielleicht sogar noch mobiler und zufriedener macht? 



Von slow-down bis Überschall – die kurzfristigen Effekte der Krise

  • Das Alltagsrauschen wird leiser: Social Distancing und Homeoffice sorgen für weniger Verkehr, weniger Stau und weniger Unfälle.
  • Die Öffis, der Feind? Kaum genutzt Busse, U-Bahnen und Züge; verschlossene FahrerInnen-Türen – die Angst vor Ansteckung lässt den öffentlichen Nahverkehr leer und unwirtlich aussehen. In einigen Städten brechen die Passagierzahlen derart stark ein, dass die Fahrpläne bereits merklich ausgedünnt werden. 
  • Das Ende der urbanen On-Demand-Shuttles oder ein Moment innovativer Partnerschaften? Uber, Lyft und MOIA verlassen in vielen Städten den Markt oder fahren mit deutlich reduzierter Flotte. Derzeit weiß niemand wann und in welcher Stärke sie zurückkommen. Hamburg denkt schon einen Schritt weiter: Hier können KundInnen der Verkehrsbetriebe nun nachts kostenfrei MOIA nutzen, um trotz ausgedünnter Fahrpläne weiterhin mobil zu sein.
  • Verkehrswende im Zeitraffer: Auch das geht plötzlich. In Berlin werden derzeit Radverkehrsanlagen innerhalb von drei Tagen von der Idee bis zur Realisierung auf die Beine gestellt. 



Das temporäre Aus für den Nahverkehr? Mögliche längerfristige Auswirkungen der Krise

  • Das Ende des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs wie wir ihn kennen? Bleiben die Fahrgastzahlen dauerhaft auf so niedrigem Niveau, drohen den Nahverkehrsunternehmen und dem DB-Konzern großer Schaden, der sich langfristig auf Angebot, Frequenz und Qualität auswirken könnte.
    Und auch wenn die Öffis wieder Teil des Alltags sind, werden sie eventuell anders aussehen und genutzt werden als zuvor, da das Virus Veränderungen an Bahnhöfen und dem Inneren der Verkehrsmittel (z.B. der Sitzplatzgestaltung) notwendig macht.
  • Ein Motor für eine gerechtere Straßenraumverteilung? Social Distancing mit Mindestabstand ist auf vielen Gehwegen – aufgrund zu geringer Breite – gar nicht möglich, während auf beiden Straßenseiten Platz für stehende Autos gemacht wird. Eine Ungerechtigkeit, die im Angesicht der aktuellen Situation wieder stärker in den Blickpunkt geraten, für ein neues Bewusstsein und vielleicht sogar für langfristige Effekte sorgen könnte.
  • Gefährdete Infrastruktur-Planung? Der Staat leistet gerade milliardenschwere Hilfen. Ob für teure Projekte wie U-Bahn- oder Stadtbahn-Trassen in Zukunft weiter Zuschüsse geleistet werden können, steht in den Sternen.
  • Das Ende der Stadt der kurzen Wege? Eine Zunahme des motorisierten Individualverkehrs könnte bei gleichzeitigem Rückgang der Nahversorgungs-Angebote das gepriesene Stadtentwicklungs-Modell gefährden.
  • Ein Revival der Suburb-SUV-Romantik? Wird nicht in eine attraktive Rad- und Fußinfrastruktur investiert, könnte der motorisierte Individualverkehr das Rennen um das Verkehrsmittel der Zukunft (zumindest zunächst) für sich entscheiden. Der Wunsch nach individueller Abgeschottetheit könnte Blüten bis hin zum Verlangen nach isolierten Einfamilienhaus-Modellen treiben. Eine nachhaltige Verdichtung der Stadt wird verhindert und der Flächenfraß auf der Grünen Wiese zu Lasten von Natur und Landschaft kehrt zurück. 

 



Was jetzt wichtig wird



Städte sollten nun unbedingt…

  • ..den Rad- und Fußverkehr ganzheitlich nach vorne bringen. Die Krise zeigt, was wir eigentlich schon vorher wussten: Rad- und Fußverkehr sind das resiliente Mobilitätsrückgrat des urbanen Raumes und müssen ihrer Rolle entsprechend vorangedacht und ausgebaut werden. Zwar mag das Auto derzeit ein Revival als sichere Transportbox erhalten, aber es raubt uns auch das letzte bisschen frische Luft, aktive Bewegung abseits des Home-Office-Sessels und zumindest entfernte Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Leuten #(mental)health. Politik und Verwaltung könnten die Gunst der Stunde nutzen und den neu gewonnenen NutzerInnen aktiver Mobilitätsformen den Umstieg auch für die Zukunft schmackhaft machen. 
  • …den ÖPNV nicht abschreiben und stattdessen schon jetzt kurz- und langfristige Strategien entwickeln: Wie bekommen wir den ÖPNV wieder auf die Beine und attraktiv? Langfristig ist der öffentliche Nahverkehr nicht wegzudenken, eine echte Mobilitätswende ohne ihn nicht möglich. Und nicht vergessen: Vor allem Menschen in systemrelevanten Berufen sind besonders häufig auf den ÖPNV angewiesen und wo wären wir in Zeiten wie diesen ohne sie?
  • …kurz durchatmen und überlegen, was wirklich wichtig ist: Das Thema Verkehrswende hat uns alle in den letzten Jahren vor sich hergetrieben – ständig neue Zahlen, Technologien, Artikel und Diskussionsrunden. Nun haben wir die Chance kurz innezuhalten und gemeinsam mit verschiedenen ExpertInnen zu überlegen: Welche Maßnahmen sind am sinnvollsten? Wie können wir ein ganzheitliches Mobilitätssystem für unseren Bezirk, unsere Stadt oder Region entwickeln? Wie kann eine langfristig-strategische Transformation aussehen und tatsächlich funktionieren?


Mehr denn je zählt jetzt…

  • in die richtige, zukunftsfähige Infrastruktur investieren
  • im Gesamtkontext denken und überlegen, was wirklich wichtig ist
  • auf den menschlichen Maßstab setzen

Eine Antwort

  1. Volltreffer! Sehr zum Nachdenken anregender Artikel. Angenehm unaufgeregt.

    Astrid Großmann zeigt uns Punkt für Punkt auf, wie sehr wir bisher im Klein-Klein dieses wichtigen Themas verhaftet waren. Und warum wir unsere individuellen Gewohnheiten und infrastrukturellen Umsetzungsstrategien dringend überdenken müssen.

    Spätestens seit der Corona-Krise ist klar, dass der alleinige Fokus auf Wirtschaftlichkeit in die Sackgasse führte. Im Angesicht aktueller existentieller Sorgen, diffuser Zukunftsängste und Furcht vor Ansteckung werden Menschen sich auf ihre ursprünglichen Bedürfnisse zurückbesinnen. Dies ist eine einmalige Chance für die Politik, die Gesellschaft, die Wirtschaft und Individuen, den Kompass neu auszurichten und mit klarem Blick die richtigen Ziele zu benennen, einen Plan zu schmieden und beherzt umzusetzen.

    Danke für den Weckruf, Astrid!

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